FREUNDE GEWORDEN – Thüringer Allgemeine vom 22.12.2008

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FREUNDE GEWORDEN: Vor der Vorstellung des Hörbuches traf man sich mit Margott Webb, im Anschluss gab es ein noch buntes Programm.
 
Befreiende Wahrheit Hörspiel „Schatten überm Christopherus“ feierte im Theater Premiere / Lehrmittel für Thüringer Schulen Als am Samstag die Premiere des Hörspiels „Schatten überm Christopherus“ unter viel Beifall im Arnstädter Theater erfolgreich ihren Abschluss fand, ging auch eine aufwühlende Zeit für alle Mitwirkenden zu Ende. Von Kerstin FISCHER
 
ARNSTADT. Die größte Aufregung war verflogen, die Aufnahmen im Kasten. Jetzt galt es für die Organisatoren nur noch, die offizielle Vorstellung des Hörspiels vor einem breiten Publikum zu absolvieren. Sechs Monate lang hatten fünfzig Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer die Erlebnisse eines jüdischen Mädchens in Arnstadt vom Herbst 1938 bis zum Frühjahr 1939 vertont und sich damit dem wohl düstersten Kapitel der deutschen Geschichte gewidmet. Grundlage für das Hörspiel war das Buch „Schatten überm Christophorus“ von Margot Webb, das 1992 unter dem Originaltitel „Shadows at Noon“ erschien. Darin verarbeitet die Autorin ihre Eindrücke als Zehnjährige während der Zeit des Nationalsozialismus, berichtet etwa, wie Mirjam erfährt, dass Großvater und Onkel ins KZ gesteckt worden waren oder wie plötzlich Schilder ’Zutritt für Juden verboten’ an vielen Läden hingen. Aber auch von Freunden, die ihnen in schwerer Zeit eine große Hilfe waren. Aufgrund der politischen Entwicklungen musste die Familie ins Ausland emigrieren, und als der Krieg zu Ende war, hatte das Mädchen viele seiner Angehörigen verloren. − Sichtlich bewegt nahm Margot Webb die Vertonung ihres Buches auf. Um bei der Premiere dabei zu sein, hatte die in Los Angeles lebende 81-Jährige die Strapazen der weiten Reise auf sich genommen. Sie habe „diese Geschichte erzählen müssen“, heißt es im Intro zum Hörspiel, das von Margot Webb selbst gesprochen wird und mit den Worten endet: „’Arbeit macht frei’“ stand am Tor zum KZ Buchenwald. Das Richtige ist, Wahrheit macht frei“. In seinem Grußwort dankte Kirchenrat Jürgen Friedrich am Schluss allen Beteiligten. Das großartige Projekt sei ein würdiger Beitrag im 70. Jahr des Gedenkens an die Judenpogrome, erklärte er, mahnte jedoch zugleich zur Wachsamkeit. „Die Wahlen im nächsten Jahr werden eine Bewährungsprobe für die Demokratie“, schlug er den Bogen zur Gegenwart: „Es wird nicht gelingen, Menschen zu verführen, wenn wir den Gedanken an den Holocaust am Leben halten.“ Auch Landrat Benno Kaufhold und Bürgermeister Hans-Christian Köllmer sprachen ihre Anerkennung aus. Unterstützt mit Fördermitteln des Bundesprogrammes „Vielfalt tut gut“ entstand unter der Leitung von Cornelia Steger und des Offenen Kinder- und Jugendtreffs des Marienstifts eine gut zweistündige Hörspielproduktion. Pünktlich zur Premiere hielt die Projektleiterin gestern den ersten Tonträger in der Hand, der am Vormittag mit der Post gekommen war. Das Hörspiel soll künftig allen Thüringer Schulen als Lehrmittel zur Verfügung stehen. Und da die Welt nicht mehr grau ist, schloss der Nachmittag mit einem bunten Programm aus Trommelrhythmen und internationalen Tänzen. Mädchen und Jungen in farbenfrohen Kostümen vertrieben die düstere Stimmung, tanzten und trommelten wieder Fröhlichkeit herbei und setzten damit Zeichen der Hoffnung und Lebensfreude. 
 
   
 
 
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HAUPTPERSON: Margot Webb im Gespräch mit Henriette Lindner und Heiner Georgi.

 

Gegen Vorurteile – Freies Wort vom 26.August 2008

Gegen Vorurteile

Ilmenau – Mit einem freundli­chen Lachen ist der Nachwelt das Gesicht von Anne Frank in Erinnerung geblieben. Als das Mädchen im März 1945 im KZ Bergen-Belsen umkommt, blei­ben mit ihrem Tagebuch auch viele Erinnerungen an eine düstere Zeit erhalten. Das An­ne-Frank-Haus in Amsterdam erinnert seit Jahren an das Schicksal des jüdischen Mäd­chens, das stellvertretend für ein ganzes Volk steht, das von den Nazis ausgerottet werden wollte. Die Schlange der Men­schen ist lang, die täglich mit einem Besuch im Anne-Frank­ Haus die Erinnerung an die schrecklichen Ereignisse wach halten wollen. Die Ilmenauer Schüler müssen sich dieser Tage nicht unbedingt in die Warten­den in Amsterdam einreihen. Sie bekommen die Geschichte des Mädchens bis in die Schule getragen.

Im September wird die Büh­ne Scheselong aus Berlin mit dem Stück „Geschichten aus dem Tagebuch der Anne Frank“ in mehreren Schulen des Ilm­kreises zu Gast sein. „Wir spie­len mit ganz jungen Schauspie­lern“, sagt Karin Berner, Künst­lerische Leiterin des Theaters im Gespräch mit Freies Wort und ist sich sicher, dass das bei den Jugendlichen ankommt. Die Szenen seien authentisch und orientierten sich am Tage­buch der Anne Frank. Dabei werde auch von dem meist jun­gen Publikum sehr schnell ver­standen, dass Anne ein Mäd­chen wie jene Kinder heute in diesem Alter war, dass die Ras­senideologie der Nazis nicht haltbar ist, erklärt Berner. Die Schauspieler kommen teils frisch von der Schule und wer­den nach mehreren Auftritten ausgetauscht, um stets wieder frische Begeisterung in die Auf­führung zu bekommen, erklärt die künstlerische Leiterin.

 
Das Theater Scheselong sei mit dem Stück seit vier Jahren unterwegs und habe sich inzwi­schen als mobile Jugendthea­terbühne einen Namen ge­macht. „Wir haben 130 Spiel­termine im Jahr“, sagt Berner. Da bleibe kaum mehr Zeit für andere Stücke, so dass Anne Frank derzeit die Hauptauf­merksamkeit gelte. In Ilmenau werde in der inzwischen neun­ten Besetzung gespielt. 50 Mi­nuten Spielszenen schließe sich dann die Diskussion mit den Schülern an. Dabei werde es, so kündigt sie an, vor allem um Vorurteile in unserer Gesell­schaft gehen. Witze, Schimpf­wörter oder Vorurteile werden auch heute noch verbreitet, ohne sie zu hinterfragen. Und es kostet Mut, gegen sie aufzu­treten, weiß auch Berner. Das sei nicht nur in Ilmenau so, auch in Berlin oder in reiche­ren Gegenden Deutschlands. „Das Eintreten gegen Rassismus und Diskriminierung ist eine Sache von allgemeinem Inte­resse, aber nicht allein von Staat und Regierung. Gerade der Einzelne kann diskriminie­renden Äußerungen in Schule, Betrieb, Familie oder Freundes­kreis begegnen“, heißt es in der Ankündigung zu dem Theater­stück. Denn nichts habe es den Nazis im so genannten Dritten Reich so leicht gemacht, Juden systematisch zu isolieren, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen, wie die weit verbrei­teten Vorurteile.
 
Die Familie von Anne Frank konnte sich vor den Nazis ver­stecken, ihre Deportation zu­nächst verhindern. Den qual­vollen Tod der kleinen Anne im KZ müssen die Schüler im Theaterstück nicht miterleben. Es endet zuvor. Der geschichtli­che Ausgang wird als Prolog vorgetragen. Geboten wird eine szenische Collage aus den Jah­ren 1942 bis 1944, die aber sehr auf das liebenswerte Mädchen, ihren Alltag mit Eltern und die erste Liebe eingeht, so dass die jugendlichen Zuschauer auf­ merksam lauschen werden, wird versprochen. Anne Frank spreche dabei mit ihren Texten für sich selbst. Die Aufführungen an den Schulen werden gefördert über das Bundesprojekt für Politi­sche Bildung „Vielfalt tut gut“, für das der Ilmkreis den Zu­schlag erhalten hatte. „Die Schulen könnten sich sonst nie leisten, uns einzukaufen“, spricht die Künstlerische Leite­rin von einem super Förderpro­gramm. Per Fragebögen holt sich die mobile Jugendtheaterbühne im Nachgang Meinungen von den Schulen und Lehrern zum Stück ein. Dabei werde immer wieder festgestellt, dass die Ar­beit der Bühne für sehr wichtig gehalten werde. Das Buch zum Stück und Re­gie hat Karin Berner selbst übernommen, Projektleiter und Produzent ist Cüneyt Ogan, der auch selbst mit vor Ort sein wird.

Demokratie stärken – Freies Wort vom 28. August 2008

Demokratie stärken

Parkfest Mit aktiver Jugendarbeit Zeichen gegen Rassissmus setzen

Von Marina Hube

 
Arnstadt – „Vielfalt tut gut“ – Es ist der lokale Aktionsplan im Ilmkreis, mit dem die Jugend für die Vielfalt des Lebens, für Toleranz und Demokratie ge­wonnen werden soll. Es ist ein Programm, das in Förderung des Bundes steht und der Ilm­kreis dafür seit September 2007 Zuschüsse erhält. Seitdem wird in etwa 40 Unterprojekten ge­arbeitet, von denen sich zwölf am kommenden Samstag in Arnstadt zum Parkfest vorstel­len wollen.
 
Es ist das erste Parkfest seiner Art mit dem Ziel, ein Zeichen zu setzen. „Einmal im Jahr wol­len wir eine große öffentlich­keitswirksame Veranstaltung organisieren, bei der die Träger über „Vielfalt tut gut“ ihre Pro­jekte präsentieren können“, sagt Anja Blaschke, die die Ko­ordinierungsstelle am Marien­stift Arnstadt leitet. Insgesamt
gibt es etwa 25 Projektträger im Ilmkreis.
 
„Wir wollen die Aktivitäten im ländlichen Raum streuen“, sagt Blaschke weiter. Es gibt drei Kindereinrichtungen im Umland, die Angebote im Rah­men dieses lokalen Aktionspla­nes haben. In Marlishausen, Langewiesen und Geraberg wird über die interkulturelle Bildung Afrika in den Mittel­punkt des Alltags gerückt. Wis­sen, wie Kinder dort wohnen und leben, welche Traditionen es gibt und was sie essen, weckt das Interesse der Ilmkreis-Kin­der. Sie können ihre Lebenswel­ten mit denen der Kinder aus Afrika vergleichen und Ge­meinsames aber auch Unter­schiede feststellen.
 
Kindergärten sind gut in den Aktionsplan einzubeziehen, sieht Blaschke jedoch häufig fehlendes Engagement von Lehrern. Es sei an Schulen schwierig, sich mit Ideen einzu­bringen. Dies bedeutet für Leh­rer, dass zusätzliche Projekttage den vorgesehenen Zeitplan der Abarbeitung der Lehrpläne sprengen. Dennoch gebe es auch engagierte Lehrer, die es möglich machen, die Vielfalt, Toleranz, das Thema Demokra­tie – gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und An­tisemitismus in den Unterricht im Rahmen dieses lokalen Akti­onsplanes einzubauen.
Auf drei Jahre ist das Bundes­programm angelegt, wobei die Zuschüsse jeweils für ein Jahr bewilligt und dann neu bean­tragt werden müssen. 100000 Euro bekommt der Ilmkreis pro Jahr.
 
Wenn am 30. August im Schlosspark in Arnstadt das Parkfest um 13 Uhr durch Landrat Benno Kaufhold eröff­net wird, dann werden zwölf Projekte vorgestellt, die unter anderem auch Aufklärungsar­beit leisten wollen. Mit Blick
auf das Wahljahr 2009 sei dies dringend erforderlich, schätzt Anja Blaschke ein. Es werden sich ein Mitmachzirkus präsen­tieren, es gibt ein Bühnenpro­gramm und Street-Soccer kön­nen aktiv werden, ein Wasser­spielmobil wird aufgebaut und natürlich darf die Bastelstraße nicht fehlen. Mit einem orien­talischen Buffet wird eine etwas andere Esskultur nach Arnstadt geholt.
 
Jeder Interessierte, der sich als Privatperson in eines der bisher 40 Unterprojekte ein­bringen will, kann dies tun, braucht nur auf Ansprechpart­ner der Gruppen zugehen. Wer ganz und gar ein neues Projekt ins Leben rufen will, der braucht einen Projektträger und kann sich an die Koordi­nierungsstelle „Vielfalt tut gut“ beim Marienstift Arnstadt an Anja Blaschke wenden, Wach­senburgallee 12 in 99310 Arn­stadt, Tel.: (03628) 720225.