Gegen Vorurteile – Freies Wort vom 26.August 2008

Gegen Vorurteile

Ilmenau – Mit einem freundli­chen Lachen ist der Nachwelt das Gesicht von Anne Frank in Erinnerung geblieben. Als das Mädchen im März 1945 im KZ Bergen-Belsen umkommt, blei­ben mit ihrem Tagebuch auch viele Erinnerungen an eine düstere Zeit erhalten. Das An­ne-Frank-Haus in Amsterdam erinnert seit Jahren an das Schicksal des jüdischen Mäd­chens, das stellvertretend für ein ganzes Volk steht, das von den Nazis ausgerottet werden wollte. Die Schlange der Men­schen ist lang, die täglich mit einem Besuch im Anne-Frank­ Haus die Erinnerung an die schrecklichen Ereignisse wach halten wollen. Die Ilmenauer Schüler müssen sich dieser Tage nicht unbedingt in die Warten­den in Amsterdam einreihen. Sie bekommen die Geschichte des Mädchens bis in die Schule getragen.

Im September wird die Büh­ne Scheselong aus Berlin mit dem Stück „Geschichten aus dem Tagebuch der Anne Frank“ in mehreren Schulen des Ilm­kreises zu Gast sein. „Wir spie­len mit ganz jungen Schauspie­lern“, sagt Karin Berner, Künst­lerische Leiterin des Theaters im Gespräch mit Freies Wort und ist sich sicher, dass das bei den Jugendlichen ankommt. Die Szenen seien authentisch und orientierten sich am Tage­buch der Anne Frank. Dabei werde auch von dem meist jun­gen Publikum sehr schnell ver­standen, dass Anne ein Mäd­chen wie jene Kinder heute in diesem Alter war, dass die Ras­senideologie der Nazis nicht haltbar ist, erklärt Berner. Die Schauspieler kommen teils frisch von der Schule und wer­den nach mehreren Auftritten ausgetauscht, um stets wieder frische Begeisterung in die Auf­führung zu bekommen, erklärt die künstlerische Leiterin.

 
Das Theater Scheselong sei mit dem Stück seit vier Jahren unterwegs und habe sich inzwi­schen als mobile Jugendthea­terbühne einen Namen ge­macht. „Wir haben 130 Spiel­termine im Jahr“, sagt Berner. Da bleibe kaum mehr Zeit für andere Stücke, so dass Anne Frank derzeit die Hauptauf­merksamkeit gelte. In Ilmenau werde in der inzwischen neun­ten Besetzung gespielt. 50 Mi­nuten Spielszenen schließe sich dann die Diskussion mit den Schülern an. Dabei werde es, so kündigt sie an, vor allem um Vorurteile in unserer Gesell­schaft gehen. Witze, Schimpf­wörter oder Vorurteile werden auch heute noch verbreitet, ohne sie zu hinterfragen. Und es kostet Mut, gegen sie aufzu­treten, weiß auch Berner. Das sei nicht nur in Ilmenau so, auch in Berlin oder in reiche­ren Gegenden Deutschlands. „Das Eintreten gegen Rassismus und Diskriminierung ist eine Sache von allgemeinem Inte­resse, aber nicht allein von Staat und Regierung. Gerade der Einzelne kann diskriminie­renden Äußerungen in Schule, Betrieb, Familie oder Freundes­kreis begegnen“, heißt es in der Ankündigung zu dem Theater­stück. Denn nichts habe es den Nazis im so genannten Dritten Reich so leicht gemacht, Juden systematisch zu isolieren, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen, wie die weit verbrei­teten Vorurteile.
 
Die Familie von Anne Frank konnte sich vor den Nazis ver­stecken, ihre Deportation zu­nächst verhindern. Den qual­vollen Tod der kleinen Anne im KZ müssen die Schüler im Theaterstück nicht miterleben. Es endet zuvor. Der geschichtli­che Ausgang wird als Prolog vorgetragen. Geboten wird eine szenische Collage aus den Jah­ren 1942 bis 1944, die aber sehr auf das liebenswerte Mädchen, ihren Alltag mit Eltern und die erste Liebe eingeht, so dass die jugendlichen Zuschauer auf­ merksam lauschen werden, wird versprochen. Anne Frank spreche dabei mit ihren Texten für sich selbst. Die Aufführungen an den Schulen werden gefördert über das Bundesprojekt für Politi­sche Bildung „Vielfalt tut gut“, für das der Ilmkreis den Zu­schlag erhalten hatte. „Die Schulen könnten sich sonst nie leisten, uns einzukaufen“, spricht die Künstlerische Leite­rin von einem super Förderpro­gramm. Per Fragebögen holt sich die mobile Jugendtheaterbühne im Nachgang Meinungen von den Schulen und Lehrern zum Stück ein. Dabei werde immer wieder festgestellt, dass die Ar­beit der Bühne für sehr wichtig gehalten werde. Das Buch zum Stück und Re­gie hat Karin Berner selbst übernommen, Projektleiter und Produzent ist Cüneyt Ogan, der auch selbst mit vor Ort sein wird.