Gegen das Schweigen – Thüringer Alllgemeine vom 10.06.2008

 
Tochter von NS-Täter und Holocaust-Opfer gestalten gemeinsam Gesprächsrunden Inge Franken ist Tochter eines NS-Täters, Salomea Genin Kind eines Holocaust- Opfers. Sie sprechen ab heute in den 9. Klassen des Arnstädter Gymnasiums.
 

ARNSTADT. Die Stadtjugendpflege der Stadt Arnstadt als Organisator und der Kreisjugendring Ilmkreis e. V. als Veranstalter haben Inge Franken (Tochter eines NS-Täters) und Salomea Genin (Kind eines Holocaust-Opfers) eingeladen, um mit Schülern und weiteren Interessierten über noch heute zu spürende Folgen des Nationalsozialismus ins Gespräch zu kommen.

Inge Franken − Tochter eines Nazi-Offiziers, den sie nie kennenlernte − hatte auch unter den Folgen des Holocausts bis in die Gegenwart zu leiden. Sowohl ihr Großvater als auch ihr Vater, der bei der Belagerung Leningrads starb, als sie zwei Jahre alt war, waren  überzeugte Nationalsozialisten. Inge Franken erfuhr dies erst viele Jahre später, als sie etliche Briefe las, die ihr Vater während der Kriegstage schrieb.

Kindheit und Jugend mit Mutter und Schwester waren von einer gedrückten Atmosphäre des Schweigens geprägt. „Niemand (in meiner Familie) sprach über diese Zeit“, so Inge Franken. „Aber ich wusste, dass wir zu ihnen gehörten − zu den Menschen, die Schreckliches getan hatten.“ Seit ihrer Pensionierung als Lehrerin an einer Berliner Schule vor 15 Jahren hilft Inge Franken deutschen Mitbürgern, über ihre eigene Vergangenheit zu sprechen und sich mit ihr auseinanderzusetzen. „Man trägt an einer schweren Last, die sehr viel leichter wird, wenn man offen sagen kann: Ja, meine Eltern gehörten zu den Tätern“, so Franken.

Seit 1996 führt sie bei der Berliner Organisation „One by One“ Gesprächsstunden, in denen die Nachkommen von Holocaust-Opfern und Nazi-Tätern Geschichte greifbar machen. „Sie spricht mit den Schülern darüber, dass man immer die Wahl hat, eigene Entscheidungen zu treffen“, so Carol Vogel, eine Nachfahrin von Holocaust-Überlebenden, die schon bei vielen Schulvorträgen von Inge Franken mitgewirkt hat. „Sie führt ihnen vor Augen, dass man gerade starke Meinungsführer und weit verbreitete Ansichten stets kritisch hinterfragen sollte und vermittelt ihnen, dass jeder für sich entscheiden muss, was er für richtig oder falsch hält. Sie bringt die Kinder ganz einfach zum Nachdenken.“ Die Gespräche sollen wachsam machen gegenüber Fremdenfeindlichkeit und Rassismus.

Die Veranstaltungen finden in Kooperation mit dem Staatlichen Gymnasium statt und werden im Rahmen des Bundesprogramm „Vielfalt tut gut“ im Ilmkreis gefördert. Zur öffentlichen Veranstaltung am Mittwoch, dem 11. Juni, um 19.30 Uhr im Gemeindehaus sind die Mitglieder der AG „Demokratie braucht Zivilcourage“ wie auch Bürger sehr  herzlich eingeladen.